Psychiatrie tritt in das digitale Zeitalter ein: KI-gesteuerte Diagnose der psychischen Gesundheit

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Jahrzehntelang stützte sich die Diagnose der psychischen Gesundheit stark auf subjektive Bewertungen – lange Gespräche zwischen Ärzten und Patienten, bei denen Symptomcluster analysiert wurden, die sich oft überschneiden oder inkonsistent auftreten. Jetzt bricht eine neue Ära an, angetrieben durch das Potenzial der künstlichen Intelligenz, „digitale Biomarker“ zu identifizieren, die das psychische Wohlbefinden objektiv beurteilen. Dieser Wandel könnte die Art und Weise revolutionieren, wie wir Erkrankungen wie Depressionen, Angstzustände und sogar Selbstmordgedanken verstehen und behandeln, wirft aber auch kritische Fragen zur Privatsphäre und zur Zuverlässigkeit technologiegestützter Beurteilungen auf.

Der Aufstieg digitaler Biomarker

Die Grundidee ist einfach: Unser tägliches Verhalten – Sprachmuster, Gesichtsausdrücke, Schlafzyklen, sogar Herzfrequenzvariabilität – hinterlassen eine digitale Spur, die KI analysieren kann. Unternehmen wie Deliberate AI entwickeln bereits Tools, die diese Marker nutzen, um mentale Zustände mit überraschender Genauigkeit vorherzusagen. In einer Studie wurden allein durch die KI-Analyse stimmlicher Signale in 79 % der Fälle depressive Symptome korrekt identifiziert, was der Genauigkeit einer herkömmlichen klinischen Bewertung entspricht.

Das ist nicht nur theoretisch. Die US-amerikanische Food and Drug Administration hat die Technologie von Deliberate AI kürzlich in ein Pilotprogramm aufgenommen und damit möglicherweise den Weg für ihren Einsatz als Endpunkt in klinischen Studien geebnet. Der Reiz liegt auf der Hand: KI kann eine kontinuierliche Echtzeitüberwachung ermöglichen, was bei seltenen Arztbesuchen unmöglich ist. Eine Person könnte täglich über einen Chatbot einchecken, während die Software ihre Stimme und Mimik analysiert, um subtile Stimmungs- oder Verhaltensänderungen zu erkennen.

Die lange Suche nach objektiven Markern

Die Suche nach biologischen Markern für psychische Erkrankungen wird seit Jahrzehnten fortgesetzt. Mitte des 20. Jahrhunderts hofften Forscher, objektive Indikatoren durch Neurotransmitterspiegel, Hormonungleichgewichte oder Bildgebung des Gehirns zu identifizieren. Diese Bemühungen scheiterten jedoch immer wieder. Thomas Insel, ehemaliger Direktor des National Institute of Mental Health, gab 2017 zu, dass seine Agentur trotz einer Finanzierung von 20 Milliarden US-Dollar keine nennenswerten Fortschritte bei der Senkung der Selbstmordraten oder der Verbesserung der Genesungsergebnisse erzielen konnte.

Der digitale Ansatz stellt eine neue Hoffnung dar. Im Gegensatz zu biologischen Markern sind digitale Fußabdrücke über die Geräte, die wir bereits verwenden, leicht verfügbar: Smartphones, Smartwatches und sogar Sprachassistenten. Fortschritte in der KI haben es möglich gemacht, diesen riesigen Datenstrom zu analysieren und Muster zu identifizieren, die Menschen möglicherweise übersehen. Forscher haben Zusammenhänge zwischen Depressionen und flacheren Stimmtönen, reduzierter Sprechgeschwindigkeit und sogar erhöhtem Zappeln festgestellt, gemessen durch tragbare Sensoren.

Das Versprechen und die Gefahr der KI-gesteuerten Diagnose

Im Erfolgsfall könnten digitale Biomarker Behandlungspläne personalisieren und Krisen vorbeugen, bevor sie auftreten. Beispielsweise könnte KI subtile Veränderungen in Sprachmustern oder Gesichtsausdrücken erkennen, die auf eine Verschlechterung der Depression hinweisen, und es Ärzten ermöglichen, die Dosierung von Medikamenten anzupassen oder Interventionen zu empfehlen, bevor ein Patient in eine schwere Episode gerät. Einige Unternehmen erforschen sogar KI-gesteuerte Selbstmordvorhersagen und suchen nach verräterischen Anzeichen wie unnatürlicher Konsistenz in der Sprache oder unregelmäßigen Gesichtsbewegungen.

Allerdings ist der Übergang nicht ohne Risiken. Datenschutzbedenken stehen im Vordergrund: Die ständige Überwachung personenbezogener Daten wirft Fragen darüber auf, wer Zugriff auf diese Informationen hat und wie sie verwendet werden. Grundsätzlicher stellt sich die Frage der Zuverlässigkeit. KI-Algorithmen können voreingenommen sein und Fehldiagnosen könnten verheerende Folgen haben. Ein Forscher warnte: „Die Uhr von jemandem könnte anzeigen, dass es ihm gut geht, auch wenn das nicht der Fall ist, und deshalb wird niemand auf ihn hören.“

Die Zukunft der psychiatrischen Versorgung

Die American Psychiatric Association geht die Integration digitaler Biomarker vorsichtig an und richtet einen Unterausschuss zur Bewertung neuer Technologien ein. Das Ziel besteht nicht darin, die menschliche Interaktion vollständig zu ersetzen, sondern sie durch objektive Daten zu ergänzen. Der Verband plant, vielversprechende Biomarker als „neue“ Technologien aufzulisten und damit eine vorläufige Zustimmung zu geben, während weitere Forschungen durchgeführt werden.

Das endgültige Ergebnis bleibt ungewiss, aber der Trend ist klar: Die Psychiatrie tritt in eine neue Ära ein, in der KI eine immer wichtigere Rolle bei Diagnose und Behandlung spielt. Ob dies zu einer effektiveren Pflege oder zu unbeabsichtigten Folgen führt, hängt davon ab, wie sorgfältig wir die bevorstehenden ethischen und praktischen Herausforderungen meistern.

Das Gebiet entwickelt sich rasant weiter und die nächsten Jahre werden darüber entscheiden, ob digitale Biomarker zu einem Mainstream-Diagnoseinstrument werden oder eine Nischenanwendung bleiben. Das Potenzial ist vorerst unbestreitbar, doch die Notwendigkeit einer vorsichtigen Umsetzung ist umso größer.

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